In deutschen Fußgängerzonen, auf Wochenmärkten und Flohmärktenkommt man nicht daran vorbei: In unglaublichen Mengen wird Kleidung mitdem Label "Made in Italy" verkauft, aber zu Billigpreisen, die kaum zu erklären sind. Was steckt dahinter? Danilo Ceccarelli, "Senior Coordinator"der Europäischen Staatsanwaltschaft EPPO, sagt dazu: "In den letzten 20Jahren hat sich ein verborgenes System chinesischer Organisationen inder europäischen Textilindustrie ausgebreitet. Niemand hat es gemerkt,auch wir nicht. Bis jetzt. Wir müssen nun massiv gegen ein riesiges EU-weites Netzwerk aus halblegalen, illegalen, teilweise mafiösen und staatli-chen chinesischen Strukturen bei uns vorgehen."Die "ARD Story" geht auf die Spur dieser Geschichte; die Suche führt zunächst in die alte toskanische Textilstadt Prato. Hier werden traditionelledle Stoffe für italienische Mode hergestellt; das Label ""Made in Italy" isthier seit Generationen in erster Linie ein Qualitätsversprechen. Aber hierentstand auch das chinesische Fast-Fashion-System, das sich in ganz Europa ausgebreitet hat. In endlosen Fabrikhallen wird hier unter weitgehendunkontrollierten Arbeitsbedingungen Massenware für den europäischenMarkt produziert. Mitten in der EU, mit dem attraktiven Label "Made inItaly".Dieses "System Prato"floriert und wächst. Längst haben die Summen, umdie es geht, vor Ort zu einer spezifischen Form von Gewalt und Kriminalitätgeführt. Im sogenannten "Kleiderbügelkrieg", über den die italienischen Medien immer wieder berichten, kommt es regelmäßig zu Bedrohung, Einschüchterung und Schutzgelderpressung; auch einige Mordfälle der vergangenen Monate werden dem Milieu der Fast Fashion zugerechnet. Ermittler und investigative Journalisten gehen davon aus, dass die chinesische Mafia dabei eine entscheidende Rolle spielt.Unterstützung bei der Bekämpfung des "System Prato" kommt jetzt vonganz anderer Seite; neuerdings gibt es Ermittlungen der EuropäischenStaatsanwaltschaft (EPPO) wegen Schmuggels und Zollbetrugs. Staatsanwalt Ceccarelli und sein Team gehen davon aus, dass der EU seit JahrenMilliarden Euro an Importzöllen und Steuern entgehen. Denn die Stoffe fürdie Billigmode aus Prato kommen aus China und werden in die EU geschmuggelt, in der Regel über Häfen, die dank der Seidenstraßen-Initiativeder chinesischen Regierung bereits teilweise oder mehrheitlich China gehören. Dabei werden Schwachstellen in den Zollbehörden und verschiedeneeher laxe EU-Handelsregeln gezielt ausgenutzt. Im Hafen von Piräus, dermehrheitlich dem chinesischen Staatskonzern COSCO gehört, hat dieEPPO im Rahmen der "Operation Calypso" vor einigen Monaten über2.400 Container aus China beschlagnahmt, korrupte Zöllner und Zwischenhändler verhaftet und der organisierten Kriminalität einen Schaden vonüber 700 Millionen Euro zugefügt. "Das war erst der Anfang", sagt Staatsanwalt Ceccareli.Aber die Dimensionen sind gewaltig. Mittlerweile wird das "SystemPrato" auch als Blaupause für große Produktionsstättenaußerhalb von Paris und Madrid genutzt. Und wie sehr sich die illegalen chinesischen Organisationen in Italien etabliert haben, zeigt ein Phänomen, das selbst erfahrenen Mafiajägern die Sprache verschlägt: Mit Hilfe des Fast Fashion Handels wird europaweit Geld gewaschen, auch das der italienischen Mafia.Der zuständige Staatsanwalt in Prato, Luca Tescaroli, spitzt das so zu: "Jeder, der in Europa ein Modestück von diesen Produzenten kauft, muss wissen, dass er damit die Mafia unterstützt."Die "ARD Story" zeigt das sogenannte "System Prato" und seine europaweiteDimension auf und macht es sichtbar. Autor Dominik v. Eisenhart-Rothe begleitet EU-Staatsanwalt Ceccarelli und sein Teambei ihren Ermittlungen und Aktionen. In Prato trifft er italienische Investigativjournalisten,die seit Jahren zur Kriminalität rund um die chinesische Fast Fashion recherchieren, Gewerkschafter, die gegen die Ausbeutung in diesen Unternehmen kämpfen, undAktivisten, die die Umweltschäden durch chemiehaltige Müllberge dokumentieren. Es geht um nicht weniger als-auf der einenSeite-Korruption und Wirtschaftskriminalität in gigantischem Ausmaß und-auf der anderen Seite-um chinesische organisierte Kriminalität, die überLeichen geht.